Erfahrungsberichte 
die Mut machen 

Kinaesthetics in der Praxis - an dieser Stelle schildern Betroffene
Ihre Erfahrungen, die sie mit der Kineasthetics und ihren Möglichkeiten zur Hilfe im Alltag erleben durften.
 
• Zehn Fragen an eine pflegende Angehörige
Fragen: Annette Zumdick - Kinaesthetics Trainerin
Antworten: Frau Fürst - Pflegende Angehörige
 
1.Frage:
Wie seid Ihr auf Kinaesthetics gekommen?
Antwort:
Uns hat man vom Familien unterstützenden Dienst (FUD), Ahaus darauf aufmerksam gemacht, als wir meinen Sohn aus dem Pflegeheim nach Hause geholt haben. Annette Zumdick hat uns dann noch im Pflegeheim Anleitungen gegeben, wie wir mit meinem Sohn umgehen können. Ich war schon damals sehr erstaunt, wie "einfach" man einen Schwerstbetroffenen "bewegen" kann. Kinaesthetics war mir bis zu diesem Zeitpunkt völlig unbekannt. Leider hatten wir in der Zwischenzeit nicht die Möglichkeit uns kinaesthetisch weiterzubilden, denn es gab keine entsprechenden Angebote - außer - nach ca. 2 Jahren einen Informationsnachmittag für Pflegende Angehörige. Erst jetzt 2009 wird ein Kurs in unserer Region für Pflegende Angehörige angeboten und den nehmen wir natürlich dankbar wahr.
 
2. Frage:
Was heißt Kinaesthetics mit Deinen Worten übersetzt?
Antwort:
Es heißt "Bewegung" - sich nicht bewegen lassen, sondern durch eigene Mithilfe selbst in Bewegung kommen können und vor allen Dingen in Bewegung kommen dürfen. Wir bewegen uns und damit auch den Betroffenen, der lernt seine Bewegungsmöglichkeiten zu nutzen.
 
3. Frage:
Was beeindruckt Deine Familie an Kinaesthetics?
Antwort:
Wir sind immer wieder erstaunt, mit welcher "Leichtigkeit" wir meinen Sohn bewegen und handeln können - und das alles ohne große Kraftanstrengung.
 
4. Frage:
Eine provokante Frage: Es gibt ja viele Angebote für pflegende Angehörige und Menschen, die pflegeabhängig sind. Wozu braucht es noch Kinaesthetics und was unterscheidet dieses Angebot zu anderen?
Antwort:
Wo bitte gibt es diese vielen Angebote für pflegende Angehörige? Uns sind keine Angebote bekannt. Und wenn es welche geben würde, dann werden sie nicht genügend bekannt gemacht. Hier ist Öffentlichkeitsarbeit gefordert und zwar dringenst. Das, was wir für uns und damit auch für meinen Sohn tun können, haben wir uns mühsam erfragen und "durchpauken" müssen. Kinaesthetics ist insofern anders, weil wir nun zusammen mit meinem Sohn in Bewegung kommen und etwas für unsere Gesundheit und sein Lebenswertgefühl tun können.
 
5. Frage:
Wie wichtig ist für Sie die eigene Bewegungskompetenz, die ja als Schlüsselfaktor in Bewegung mit Betroffenen Menschen positiv genutzt werden kann?
Antwort:
Solange ich beweglich bleibe, kann ich auch meinem Sohn helfen, beweglich zu bleiben. Ich hoffe, dass ich lerne, noch möglichst lange meine Beweglichkeit zum Nutzen meines Sohnes einsetzen zu können.
 
6. Frage:
Was ist ihre Vision für die Zukunft im Bezug Kinaesthetics und Pflegende Angehörige und Ehrenamtliche auf dem Gesundheitsmarkt?
Antwort:
Kinaesthetics (ein wirklich schweres Wort und auch schlecht erklärbar für den Menschen, die nicht betroffen sind und auch nicht pflegen müssen) kann nicht genug publik gemacht werden. Hier ist dringend Öffentlichkeitsarbeit gefragt. Jedes Pflegeheim und jedes Krankenhaus sollte in Kinaesthetics ausbgebildetes Personal haben. Jeder zu Hause Pflegende sollte über Kinaesthetics und die entsprechenden Möglichkeiten zur Erlernung informiert werden. Jeder, der sich ein wenig mit Kinaesthetics auskennt, sollte jedem, der danach fragt, unentgeltlich Tipps geben.
 
7. Frage:
In welcher Regelmäßigkeit sollten diese Kurse laufen?
Antwort:
Ich möchte jährlich einmal eine Auffrischung und einen Erfahrungsaustausch - das wäre ideal.
 
8. Frage:
Wie wichtig sind nach dem Grundkurs die häuslichen Schulungen mit der Kinaestheticstrainerin? ( Umsetzung im Familienalltag - 6 Stunden im Jahr möglich.)
Antwort:
Gerade diese häuslichen Schulungen sind äußerst wichtig, denn im Grundkurs wird und kann auch nur die Grundlage für Kinaesthetics erlernt werden. Da jeder Betroffene individuell ist und evtl. Spastiken oder Lähmungen o.ä. hat, ist es sehr von Vorteil, wenn die Trainerinnen das mit uns zusammen direkt am betroffenen Menschen vermitteln können.
 
9. Frage:
Welche Menschen und Bereiche profitieren von der Kinaesthetics und warum?
Antwort:
Wir, als pflegende Angehörige profitieren von der Kinaesthetics und natürlich der Betroffene selbst auch. Überall dort, wo es gehandicapte Menschen gibt, kann die Kinaesthetics eingesetzt werden - in Krankenhäusern, Pflegeheimen, bei der Physio- und Ergotherapie und natürlich im häuslichen Bereich.
 
10. Frage:
Kann Kinaesthetics in den Pflegekassen auch Kosten einsparen und warum?
Antwort:
Dadurch, dass der Betroffene nun eigene Ressourcen nutzt und in "Bewegung" kommt, können Folgeschäden, wie Osteoporose oder Dekubitus weitestgehend vermieden werden und das spart der Pflegekasse Geld. Und wenn es uns als pflegende Angehörige auch Rückenprobleme erspart bleiben und wir den Betroffenen weiter betreuen können, dann spart auch das der Pflegekasse das Geld einer eventuellen Betreuung durch Pflegepersonal oder das Pflegeheim.
 
Einen kurzen Einblick in das Leben von Kai Fürst finden Sie unter:
www.kai-aus-gronau.de/
 
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• Frau X aus Ottenstein, stößt an ihre Grenzen...
Ihr Ehemann hat einen Apoplex mit linksseitiger Parese. Die Grenzsituation Zuhause: Er benötigt Unterstützung um vom Rollstuhl aufzustehen! Frau X zeigt den Ablauf der Unterstützung wie folgt:
 
• Benutzt wird ein "4 Punkt Stock", an dem sich der Ehemann
   festhalten soll, dann wird kurz bevor ein zwei drei gerufen wird,
   hinten an dem Hosenbund festgehalten und unter der linken
   Achselhöhle stabilisiert.
 
Diese Unterstützung geschieht mehrmals am Tag. Die Ehefrau klagt über Rückenschmerzen und äußerte ganz klar "ich stoße an meine Grenzen". Sie besitzt nicht die Möglichkeit an einem Kurs in Kinaesthethics teilzunehmen, somit wurde eine häusliche Schulung vereinbart.
 
Wir analysieren gemeinsam die Grenzsituation. Frau X wird durch meine Person nun in einem ähnlichen Muster unterstützt, erfährt dazu einige Bewegungen am eigenen Körper und erkennt dabei, warum diese Unterstützung so anstrengend ist.
 
1. Der "4 Punkt Stock" ist zum aufstehen keine Unterstützung
    (zu wackelig)
2. Der Ehemann sitzt zu weit nach hinten im Stuhl
    (das Gewicht fließt somit nicht zu den Füßen)
3. Die linke Achsel wird blockiert und nicht eine Masse nach der
    anderen unterstützt - Grundsatz: Massen fassen · Zwischenräume
    spielen lassen
4. Der Ehemann muss sich nur auf ein Angebot einlassen:
    "1...2...3 und los" und kann sich somit kaum aktiv beteiligen und
    sich nur über eine Anspannung im Körper schützen.
 
Frau X bemerkt nach dieser Unterstützung: "So kann es auch nicht funktionieren".
 
Durch die eigene Körpererfahrung können wir nun einige Wege finden, wie es ein wenig leichter geht. Dazu bringt sich der Ehemann mit seinen eigenen Ideen ein.
 
1. Der "4 Punkt Stock" wird zur Seite gestellt.
2. Sein Gewicht wird ein wenig nach vorne mobilsiert, so dass er im
    Körper erfahren konnte, wohin Gewicht fließt.
3. Der Ehemann will sich selbst an der Kücheneckbank festhalten
    und mit der rechten Hand ziehen, denn "dort hätte er einen
    besseren Halt und mehr Sicherheit."
4. Die Ehefrau verläßt den Zwischenraum Achsel und nimmt Kontakt
    zu den einzelnen Massen auf. "Weniger kann auch
    mehr sein."
5. Der Ehemann hat an der Eckbank gezogen, vor diesem Tun wird
    die Beinstellung angepasst. Die Ehefrau unterstützt nach und nach
    die einzelnen Massen (Kopf, Brustkorb, Becken)unterstützt und Ihr
    Mann kann nun mit einer leichten Unterstützung aufstehen.
 
Bei der Verabschiedung höre ich den Satz "...jetzt mußte ich 5 Jahre mit soviel Anstrengung meinen Mann von A nach B unterstützen und dann kommen Sie... 30 Minuten, um mir zu zeigen, wie es auch um einiges leichter geht. Hätte ich diese Anleitung nicht schon eher haben können?"
 
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Workshop für Mitarbeiter und Bewohner aus einem Seniorenpflegezentrum
Ein Bewohner schreibt danach einen Artikel für die Zeitung:
Picknick auf der Wiese
 
Seit mehr als 20 Jahren sitze ich im Rollstuhl und kenne mein Umfeld eigentlich nur aus der Sicht aus meinem Rollstuhl oder liegend aus meinem Bett heraus.
 
Dann lernte ich die Kinaesthetics - Trainerin Annette Zumdick kennen. Sie fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte mich mal wieder auf dem Boden zu bewegen. Natürlich war ich skeptisch. Im Laufe der Zeit, und nachdem ich einige Videos über Kinaesthetics gesehen hatte, gefiel mir der Gedanke immer besser, und eines Nachmittags gingen wir in den Park und probierten es aus.
 
Decken wurden ausgebreitet und dann holte sie mich mit einer besonderen Bewegung aus meinem Rollstuhl ohne das ich mich dabei behindert fühlte. Ich legte mich sofort auf den Rücken und streckte alle Glieder von mir weg, weil es lange her war, dass ich soviel Platz um mich herum hatte. Sofort wurde ausprobiert was geht noch und wie geht es am besten. Und wenn es nicht ging war es auch kein Problem, denn man lag bzw. saß auf dem Boden und es konnte nichts passieren.
 
Danach setzte ich mich mit ihrer Hilfe auf und wir bauten uns mit den mitgebrachten Hilfsmitteln einen kleinen Tisch auf dem ich meine Arme abstützen konnte. Wir tranken Kaffee und aßen ein Stück Kuchen dabei. Jetzt wollte ich unbedingt auf dem Bauch liegen. Auch das Gefühl war neu, obwohl ich früher gerne auf dem Bauch liegend geschlafen habe. Nachdem Annette mich bäuchlings auf einen großen Gymnastikball platziert hatte, merkte ich wie eine wohltuende Entspannung durch meinen ganzen Körper ging. Aus dieser Position heraus bugsierte sie mich auch wieder in meinen Rollstuhl.
 
Mein erstes Gefühl. Was ist das für ein Rollstuhl? Das ist doch nicht meiner? Es kam mir so vor als wenn der Rollstuhl viel höher war und das ich viel höher sitzen würde als vorher. Der Nachmittag war eine unwahrscheinlich lehrreiche und schöne Erfahrung für mich, weil ich meine noch vorhandenen Ressourcen spielend kennen gelernt habe.
 
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Ein Tipp zum Thema:

zeitschrift lebensqualität titelbild Und noch etwas zum Thema: lebensqualität ist die Fachzeitschrift für Kinaesthetics und Lebensqualität. In lebensqualität können die LeserInnen am Knowhow teilhaben, das Kinaesthetics-AnwenderInnen und Kinaesthetics-TrainerInnen in zahllosen Projekten und im Praxisalltag gesammelt haben. Ergebnisse aus der Forschung und Entwicklung werden hier in verständlicher Art und Weise zugänglich gemacht.
Neu entdeckte Sachverhalte werden dargestellt und beleuchtet. Fragen werden gestellt. Geschichten werden erzählt.
lebensqualität leistet einen Beitrag zum gemeinsamen Lernen.
Einzelheiten und Abonnement finden Sie unter der Internetadresse:
www.zeitschriftlq.com
 
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